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Hier können Sie Gedanken lesen

Ein Kundenprojekt, das am Ende stimmt, wirkt und erfolgreich ist, ist aus vielen einzelnen Wissens-, Erfahrungs-, Kreativitäts- und Gedankenbausteinen entstanden. Sie werden im Projektverlauf nicht immer erwähnt. Und sie werden beim Blick auf die fertige Broschüre, den fertigen Internetauftritt etc. selten bewusst wahrgenommen. Das ist auch gut und richtig so. Aber vielleicht haben Sie ja trotzdem Lust, hier und da hinter die Kulissen zu schauen: ein paar theoretische Gedanken zu lesen, einige freiere Arbeiten zu sehen...


Wolfgang Gillitzer: Die Macht der Bilder

Der nachfolgende Test ist ungefähr 15 Jahre alt. Die Bilderflut der sozialen Medien und vieles andere, was wir heute schon als selbstverständlich hinnehmen,  war noch kein Thema.

»Die Macht des Bildes liegt in seiner Unmittelbarkeit, und hier liegt auch seine Gefahr«. (Gisèle Freund)

Das Thema Bildermacht ist ein äußerst weites und vielschichtiges Thema. Unmöglich, es in einem derart kurzen Aufsatz auch nur annähernd umfassend zu umreißen. Auch muss ich gestehen, dass es nicht allein der Platzmangel ist, der mich daran hindert, sondern auch der fehlende allumfassende Überblick über ein Thema, mit dem man Bände füllen könnte – und vielleicht selbst dann nicht zu einem endgültigen und schlüssigen Ergebnis käme.

Insofern sind die folgenden Zeilen nur als Denkanstöße zu sehen, die sich zum Teil sogar widersprechen können. Widersprüche, die aufzulösen auch hier noch gar nicht gewollt ist, sondern erst zur Diskussion gestellt werden sollen.

Bildermacht I

Alles Gesprochene erzeugt beim Zuhörer geistige Bilder, die als Übersetzungshilfe dem Verständnis (oder auch Missverständnis) des Gesagten dienen.

1989 hatte ich für ein Jahr keinen Fernseher und auch Zeitungen las ich so gut wie nicht. Informationen über das Tagesgeschehen bezog ich fast ausschließlich über das Radio. Noch heute bin ich irritiert, wenn ich (vor allem Fernseh-) Bilder vom »Fall der Mauer« sehe: Sie passen nicht zu meinen mentalen Bildern der Ereignisse, erscheinen mir wie die schlechte Verfilmung eines guten Buches. Mentale Bilder besitzen eine Kraft, gegen die reale Bilder nur schwer ankommen. »Die Bilder, die ich mir von der Welt mache, sind privat, ureigen und vertraulich« (Otl Aicher).

Der amerikanische Philosoph Charles Sanders Peirce nannte dieses mentale Bild, das nur im Bewusstsein existiert, »ikon«. Nur mit diesen ikons lässt sich überhaupt denken. Dabei erfasst das ikon nicht nur Gegenstände, sondern auch Zustände. So ist etwa der Begriff Bewegung nicht denkbar ohne das Bild von etwas, das sich bewegt.

Bildermacht II

Als am 11. September 2001 das World Trade Center einem Anschlag zu Opfer fiel, gingen am gleichen Tag die Bilder von jubelnden Palästinensern um die Welt. Bis heute ist nicht klar, ob sie echt sind, für die Kamera inszeniert wurden oder aus einem anderen Zusammenhang stammen. Zumindest haben sie kaum die Mehrheit des arabischen Volkes repräsentiert. Bereits am Abend wurden diese Bilder nicht mehr gezeigt – stattdessen die Bilder der Betroffenheit arabischer Führer. Uns allen eingeprägt haben sich aber die ersten Meldungen, sie sind kaum mehr loszulösen von dem Bild der einstürzenden Twin Towers, sie gehören zusammen wie Bruder und Schwester. Bilder wirken nachhaltiger als Worte. Was auf die sichtbare Katastrophe folgte, war der größtenteils unsichtbare Krieg in Afganistan. Was an Information hierüber bei uns ankam, war nur ein sorgfältig gefilterter Teil der Wirklichkeit.

Die radikalen Islamisten haben mit ihrem Anschlag auf das WTC natürlich ein Symbol der kapitalistischen Welt zu Fall gebracht. Dabei war vielleicht die größte Waffe das Bild der einstürzenden Türme: Im Unterschied zum Christentum lehnt der Islam eine bildliche Darstellung religiöser Elemente und Geschehnisse weitgehendst ab (Die künstlerische Tätigkeit der Muslime fixiert sich sehr stark auf das Ornament und die Schrift). Es war also auch ein Anschlag auf die Bildergläubigkeit der westlichen Welt, ein Bildersturm der neuen Art. Übrigens nicht das erste Mal: Die Zerstörung der Buddha-Statuen durch die Taliban in Afghanistan war ähnlich gezielt ein Schlag gegen die ausgesprochene Bilderfreundlichkeit des Buddhismus. Herrscht also ein Krieg zwischen Bilderfeinden und Bilderfreunden? Zumindest sind Bilder entscheidende Waffen in dieser Auseinandersetzung. Und die Waffe war von bisher noch nicht erfahrener Schlagkraft: Erstmals war die gesamte Welt live dabei, als tausende von Menschen starben.

Bildermacht III

1999 wurde die Ausstellung »Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941–1945« wegen massiver Kritik und dem Vorwurf unsauberer historischer Dokumentation geschlossen. 1433 Bilder wurden in dieser Ausstellung gezeigt, die meisten von den beteiligten Soldaten selbst geschossen. Sie führten die Verbrechen der Wehrmacht ungeschminkt vor Augen und provozierten. Nun waren diese Bilder zum Teil sehr groß und lösten so erst die Proteste aus. Sie konfrontierten die Ausstellungsbesucher mit der Wirklichkeit in einer Art und Weise, der man schlecht aus dem Weg gehen konnte. Die Ausstellung wurde inzwischen neu konzipiert, die Bilder sind kaum größer als Postkartengröße und die Proteste sind verstummt. Im übrigen hatte eine Untersuchung der Erstfassung der Ausstellung durch eine Kommission von Fachhistorikern ergeben, dass gerade mal bei 8 der ausgestellten 1433 Bilder die Bildbeschreibung nicht mit den dargestellten Vorgängen übereinstimmte. Da hatte man wohl das Haar in der Suppe gesucht und auch gefunden.

Bildermacht IV

Das Bild war schon immer ein Werkzeug der herrschenden Klassen, um ihre Wünsche, Bedürfnisse und Sichtweisen zum Ausdruck zu bringen. Als das Bürgertum nach der Französischen Revolution zu Wohlstand gelangte, ließ man sich gerne mit fürstlichem Flair portraitieren. Im Laufe der Festigung ihrer Macht wich das fürstliche Portrait dem bürgerlichen: An die Stelle von Spitzengewand und Perücken traten Gehrock und Zylinder. Mit der Industrialisierung änderten sich nicht nur die Bilder, sondern auch die Techniken ihrer Anfertigung. Die Fotografie und ihre Verfügbarkeit für jedermann wurde zu einem Werkzeug der Demokratisierung. Bilder von ärmeren Familien entstanden, Bilder von den Werkstätten und Wohnhäusern der Arbeiter. Aber auch die Nachrichtenübermittlung änderte sich: 1876 erfand Graham Bell das Telefon, und 1880 erschien das erste Foto in einer Zeitung – die Abbildung im New Yorker Daily Graphic zeigte ein Elendsviertel. So waren es dann auch vor allem Fotos, die das Gewissen der Amerikaner wachrüttelten und zu einer Änderungen der Gesetze über Kinderarbeit führten.

Gleichzeitig wird die Fotografie aber auch zu einem Instrument der Propaganda und Manipulation. Als Roger Fendon 1855 die ersten Kriegsbilder machte, waren die klare Anweisungen seiner Auftraggeber, nicht die Schrecken des Krieges zu fotografieren. Es entstand ein völlig falsches und verharmlosendes Bild vom Krimkrieg. Wenn wir sehen, welche Bilder uns fast 140 Jahre später vom Golfkrieg gezeigt wurden, müssen wir feststellen, dass sich daran nicht viel geändert hat.

Bildermacht V

Künstler heutzutage haben ein Problem: Welches Bild wurde nicht schon einmal gemalt? Brauchen wir überhaupt neue Bilder – oder haben wir nicht schon längst zu viele und alles doppelt und dreifach? Malewitsch verkündete mit dem Schwarzen Quadrat monochrom das Ende der Kunst, Daniel Spoeri benutzt die Mona Lisa als Bügelunterlage, und im ersten Raum der Ausstellung »Iconoclash« 2002 im Karlsruher Zentrum für Kunst- und Medientechnologie hat der Künstler Max Dean einen Roboterarm aufgestellt, der mit gnadenloser Mechanik in eine Fotokiste greift, ein Bild herausnimmt und in einen Reißwolf steckt.

Vorbei auch die Zeiten, in denen Künstler provozieren konnten, indem sie bei Happenings mit Blut und Tierkadavern agierten. Selbst »Versuche« mit Pornographie oder Gewaltvideos bringen nur noch kurzfristige Aufmerksamkeit.

Um den Bildern der Kunst wieder ihre alte Kraft zu verleihen, brauchen wir vor allem Zeit. Aber viele konsumieren Kunst wie ein Buchleser, der nur die Klappentexte liest. Es braucht aber die Zeit, damit das Kunstwerk sich unterhalten kann mit den Ikons in unseren Köpfen. Vielleicht müssen wir uns dabei auch von dem Dogma lösen, dass man etwas »von Kunst verstehen muss«. Als Okwui Enwezor, der Kurator der Documenta11 gefragt wurde, wieviel Vorkenntnisse man brauche, um Kunst zu verstehen, sagte er: »Meine Tochter ist zweieinhalb Jahre alt und begleitet mich zu Ausstellungen. Sie hat unglaubliche Freude an bewegten Bildern. Ich bin sicher, dass sie etwas von dem versteht, was sie dort sieht, denn anders sind Interesse und Begeisterung nicht zu erklären.«

Wolfgang Gillitzer, 2002